Kapitalexperiment verstehen · Teil 2 von 6

Immobilie oder Aktiendepot: unsere echte Entscheidungsgrundlage

Die Wohnung war real, die Miete kam regelmäßig und ein Verkauf ließ sich nicht rückgängig machen. Trotzdem entschied ich mich nach rund 25 Jahren für den Wechsel ins Aktiendepot. Ausschlaggebend war nicht eine einzelne Renditezahl, sondern das Zusammenspiel aus Ertrag, Aufwand, Flexibilität, Risiko und persönlicher Überzeugung.

Von Silvio Hoppe Veröffentlicht am 29.07.2026 Lesezeit: etwa 8 Minuten

Die wichtigste Abgrenzung

Es gibt keinen allgemeinen Sieger

Die Frage „Immobilie oder Aktien?“ klingt nach einem Wettbewerb mit einer eindeutigen Antwort. So einfach ist es nicht. Eine selbst genutzte Immobilie erfüllt einen anderen Zweck als eine vermietete Wohnung. Ein breit gestreuter Aktienfonds ist etwas anderes als mein konzentriertes Depot mit wenigen Einzelwerten.

Auch Finanzierung, Kaufpreis, Lage, Mieterträge, Instandhaltung, Steuern, Anlagehorizont und persönliche Risikobereitschaft unterscheiden sich von Fall zu Fall. Deshalb soll dieser Beitrag keine allgemeine Rangliste erstellen. Er erklärt ausschließlich, warum der Wechsel in meiner konkreten Situation sinnvoll genug erschien, um ihn tatsächlich zu vollziehen.

1 · Ertrag

Die Immobilienbilanz überzeugte mich nicht mehr

Die Eigentumswohnung wurde im Jahr 2000 für ungefähr 165.000 Euro gekauft. Zunächst nutzte ich sie selbst, ab 2018 wurde sie vermietet. Nach rund 25 Jahren hatte sie praktisch keinen nennenswerten Wertzuwachs erzielt.

Die letzte Kaltmiete lag bei ungefähr 800 Euro monatlich. In den letzten Jahren gingen davon grob 200 Euro pro Monat für Rücklagen und Instandhaltung ab. Damit blieben vor Einkommensteuer, einzelnen Reparaturen, Fahrten, Verwaltung und meinem eigenen Zeitaufwand etwa 600 Euro pro Monat beziehungsweise rund 7.200 Euro im Jahr.

Kaltmiete ca. 9.600 € im Jahr
Rücklagen und Instandhaltung ca. −2.400 € im Jahr
Vor weiteren Kosten und Steuern ca. 7.200 € im Jahr

Diese Rechnung ist bewusst einfach und keine vollständige Immobilienrendite. Sie zeigt aber den Ausgangspunkt meiner Entscheidung: Der laufende Überschuss stand für mich nicht mehr in einem überzeugenden Verhältnis zum gebundenen Kapital, zum Aufwand und zu den verbleibenden Risiken.

2 · Aufwand

Eine Immobilie arbeitet nicht von allein

In einer reinen Vergleichstabelle wirkt eine Monatsmiete wie ein passiver Ertrag. In der Praxis gehörten zur Wohnung auch Eigentümerversammlungen, Abrechnungen, Rücklagen, Reparaturen, Kommunikation, Fahrten und die Verantwortung für unerwartete Probleme.

Nicht jeder dieser Punkte führte jedes Jahr zu hohen Kosten. Trotzdem mussten Zeit, Aufmerksamkeit und finanzielle Reserven dauerhaft verfügbar bleiben. Dieser Aufwand war für mich Teil der Renditeentscheidung, auch wenn er sich nicht vollständig in einer einzigen Zahl ausdrücken lässt.

Ein Depot braucht ebenfalls Aufmerksamkeit. Mein konzentrierter Ansatz ist ausdrücklich kein Autopilot. Ich muss Geschäftsmodelle, Zahlen, Produkte, Management, Wettbewerb und die ursprünglichen Investmentthesen regelmäßig prüfen. Der Unterschied liegt deshalb nicht zwischen „Arbeit“ und „keiner Arbeit“, sondern in der Art der Arbeit, die ich langfristig übernehmen möchte.

3 · Flexibilität

Gebundenes Kapital oder veränderbares Depot

Eine Immobilie lässt sich nicht innerhalb weniger Tage teilweise verkaufen oder neu gewichten. Ein Verkauf benötigt Vorbereitung, Vertragsparteien, Notar und einen vollständigen Eigentumsübergang. Das Kapital bleibt bis dahin weitgehend in einem einzelnen Objekt gebunden.

Im Depot kann ich Positionen grundsätzlich schneller verändern. Wenn eine Investmentthese nicht mehr trägt, kann ich reduzieren oder verkaufen. Wenn neue Informationen eine andere Gewichtung rechtfertigen, lässt sie sich umsetzen, ohne das gesamte Vermögen auf einmal übertragen zu müssen.

Diese Beweglichkeit ist für mich ein Vorteil, aber kein Sicherheitsversprechen. Schnelles Handeln kann auch zu schlechten Entscheidungen führen. Flexibilität hilft nur, wenn sie mit klaren Regeln, Geduld und einer nachvollziehbaren Begründung verbunden bleibt.

4 · Risiko

Das Risiko verschwand nicht – es veränderte sich

Mit dem Verkauf verschwanden immobilientypische Risiken wie größere Reparaturen, Mietausfall oder die Bindung an ein einzelnes Objekt. Dafür kamen andere Risiken hinzu: Kursschwankungen, Fehlbewertungen, Unternehmensprobleme, Währungen, globale Märkte und die hohe Bedeutung einzelner Depotpositionen.

Mein Depot ist bewusst konzentriert. Dadurch kann sich eine falsche These deutlich auf das Gesamtvermögen auswirken. Eine einzelne Aktie kann stark verlieren oder im Extremfall wertlos werden. Auch mehrere gute Unternehmen schützen nicht vor einer allgemeinen Marktkrise.

Die Entscheidung war deshalb kein Wechsel von „riskant“ zu „sicher“. Sie war ein bewusster Wechsel zu Risiken, die ich anders beobachten, verteilen und steuern kann – verbunden mit der Möglichkeit, dabei ebenfalls falschzuliegen.

5 · Steuern und Verantwortung

Unterschiedliche Anlageformen, unterschiedliche Pflichten

Die steuerliche Behandlung war ein Teil meiner persönlichen Abwägung, aber keine allgemeine Empfehlung. Mieteinnahmen, Veräußerungen, Dividenden, Kursgewinne und ausländische Depots können unterschiedlich behandelt werden. Welche Regeln gelten, hängt von der individuellen Situation und vom jeweiligen Rechtsstand ab.

Mein Depot wird außerhalb Deutschlands geführt. Deshalb erfolgt nicht derselbe automatische Steuerabzug wie bei vielen deutschen Depots. Das bedeutet mehr Eigenverantwortung bei Dokumentation und Steuererklärung. Auch dieser zusätzliche Aufwand gehört ehrlich in die Entscheidung.

Ein pauschaler Satz wie „Aktien sind steuerlich besser“ wäre deshalb falsch. Für Kapitalexperiment zählt nur, welche tatsächlichen Zahlungen, Kosten und Pflichten bei mir entstehen. Steuerliche Einzelfragen müssen unabhängig davon fachkundig geprüft werden.

Die Abwägung

Was sich für mich konkret gegenüberstand

Kriterium Vermietete Wohnung Konzentriertes Depot
Kapitalbindung Ein einzelnes, nur vollständig veräußerbares Objekt Positionen grundsätzlich einzeln veränderbar
Laufender Aufwand Vermietung, Rücklagen, Reparaturen und Verwaltung Unternehmen, Zahlen, Thesen und Märkte beobachten
Ertrag Planbarere Miete, aber Kosten und persönliche Steuerbelastung Ungewisse Dividenden und Kursentwicklung ohne Ertragsgarantie
Zentrale Risiken Objekt, Mieter, Instandhaltung und geringe Liquidität Unternehmen, Markt, Währungen und Konzentration
Entscheidungsspielraum Veränderungen meist langsam und kapitalintensiv Schneller anpassbar, dadurch auch Gefahr vorschneller Entscheidungen

Diese Gegenüberstellung bewertet nicht, was für andere Menschen besser ist. Sie macht sichtbar, welche Eigenschaften für meine Entscheidung ausschlaggebend waren.

Die Entscheidung

Warum ich den Schritt trotzdem gegangen bin

Am Ende überwogen für mich drei Punkte: Die bisherige Immobilienentwicklung überzeugte mich nicht, der laufende Aufwand passte nicht mehr zu meinem gewünschten Umgang mit dem Kapital und ich wollte flexibler in Unternehmen investieren können, deren langfristige Entwicklung ich selbst verfolgen kann.

Im Dezember 2025 wurde die Wohnung verkauft. Ab Januar 2026 begannen die ersten Depotkäufe, im Juni 2026 war der für das Experiment vorgesehene Verkaufserlös vollständig investiert.

Ob diese Entscheidung finanziell richtig war, ist weiterhin offen. Der Wechsel lässt sich nicht dadurch rechtfertigen, dass man nur gute Börsenphasen betrachtet. Er muss sich über Jahre, nach Kosten, Steuern, Aufwand und Risiken bewähren. Genau dafür gibt es Kapitalexperiment.

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