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Meine persönliche Anlagestrategie

Warum ich nicht die nächste 10x-Aktie suche

Ich möchte nicht hunderte Einzeltitel kaufen und darauf hoffen, dass einer davon irgendwann zum 10-, 100- oder 1.000-fachen Gewinner wird. Diese Jagd passt nicht zu mir. Ich investiere lieber in wenige große Unternehmen, deren Geschäft heute bereits existiert und deren Entwicklung ich über Jahre nachvollziehen kann.

Von Silvio Hoppe Lokaler Entwurf vom 29.07.2026 Lesezeit: etwa 9 Minuten

Der große Reiz

Die Geschichte vom unbekannten Jahrhundertgewinner klingt verführerisch

Rückblickend wirken außergewöhnliche Aktienerfolge oft einfach. Man sieht einen frühen Kurs, den heutigen Kurs und dazwischen eine scheinbar klare Erfolgsgeschichte. Wer damals nur früh genug gekauft und nie verkauft hätte, wäre heute sehr vermögend. Diese Rechnung blendet jedoch aus, wie wenig damals sicher war.

Vor dem Erfolg stehen meist viele Unternehmen mit ähnlich überzeugenden Geschichten. Manche verschwinden, andere werden übernommen, verwässern ihre Aktionäre, scheitern an der Finanzierung oder entwickeln zwar ein gutes Produkt, aber kein dauerhaft profitables Geschäft. Der spätere Gewinner ist im Rückspiegel leicht zu erkennen. Im Voraus ist er einer unter vielen.

Ich bestreite nicht, dass kleine Unternehmen enorme Renditen erzielen können. Ich bestreite nur, dass ich den einen extremen Gewinner zuverlässig aus einer großen Zahl spekulativer Kandidaten auswählen kann. Mein Depot soll nicht davon abhängen, dass mir genau dieser Treffer gelingt.

Warum keine hundert Versuche?

Ein möglicher 1.000x-Gewinner hilft wenig, wenn er im Depot kaum Gewicht hat

Eine denkbare Strategie wäre, sehr viele kleine Positionen zu halten. Wenn eine davon außergewöhnlich steigt, könnte sie zahlreiche Fehlschläge ausgleichen. Für mich hat dieser Ansatz zwei Probleme.

Erstens wird jede einzelne Position bei hundert oder mehr Titeln sehr klein. Selbst ein extremer Gewinner verändert das Gesamtdepot dann deutlich weniger, als die Schlagzeile vermuten lässt. Zweitens müsste ich viele Unternehmen gleichzeitig verstehen und beobachten. Genau das halte ich für mich nicht für realistisch.

Ausgangsgewicht 0,1 % des Depots
Extremer Erfolg Wert verhundertfacht
Entscheidende Frage Wie viele andere Versuche scheitern?

Dieses Beispiel ist keine Renditerechnung und ignoriert Käufe, Verkäufe, Steuern und Kurswege. Es zeigt nur meinen Grundgedanken: Nicht allein der Kursmultiplikator zählt, sondern auch das ursprüngliche Gewicht und die Entwicklung aller übrigen Positionen.

Mein bewusster Gegenentwurf

Große Unternehmen müssen nicht erst beweisen, dass ein Geschäft existiert

Bei meinen größten Positionen suche ich keine bloße Möglichkeit. Microsoft, Nvidia und Alphabet haben bestehende Kunden, Umsätze, Produkte, Infrastruktur und finanzielle Ressourcen. Auch Stryker, Schneider Electric, Linde oder Xylem lösen heute konkrete Probleme und verfügen über etablierte Geschäftsmodelle.

Das macht ihre Aktien nicht automatisch sicher oder günstig. Große Unternehmen können Marktanteile verlieren, technologische Wendepunkte verpassen, Kapital schlecht einsetzen oder zu hoch bewertet sein. Ihre Größe begrenzt möglicherweise auch das prozentuale Wachstum. Ein Unternehmen mit sehr hoher Marktkapitalisierung wird sich nicht beliebig oft vervielfachen können.

Trotzdem ist mir diese Ausgangslage lieber. Ich kann Geschäftsberichte lesen, operative Entwicklungen verfolgen, Annahmen überprüfen und sehen, ob aus Investitionen tatsächlich Umsatz, Cashflow und Wettbewerbsvorteile entstehen. Ich muss nicht nur an eine mögliche Zukunft glauben; ich kann die Entwicklung mit einem bereits vorhandenen Geschäft vergleichen.

Keine spektakuläre Zielzahl

Ich brauche keinen 100x-Gewinner, damit das Experiment für mich sinnvoll sein kann

Mein Ziel ist nicht, mit einem einzigen Titel in kurzer Zeit reich zu werden. Ich möchte, dass das nach dem Immobilienverkauf investierte Kapital langfristig sinnvoll arbeitet. Dafür können über Jahre wachsende Unternehmen, vernünftige Kapitalverwendung und eine tragfähige Gesamtrendite wichtiger sein als ein spektakulärer Einzeltreffer.

Eine Aktie muss sich für mich nicht verzehnfachen, um einen guten Beitrag zu leisten. Wenn ein Unternehmen seinen wirtschaftlichen Wert über lange Zeit steigert und das Depot insgesamt eine angemessene Entwicklung erreicht, erfüllt es seinen Zweck. Was „angemessen“ ist, lässt sich allerdings nicht versprechen und erst im Rückblick beurteilen.

Diese Haltung schützt nicht vor Verlusten. Sie verändert lediglich die Art des Risikos: weniger Abhängigkeit von einer unbewiesenen Geschäftsidee, dafür mögliche Überbewertung großer Unternehmen, gemeinsame Themenrisiken und die Gefahr, dass etablierte Marktführer ihre Position verlieren.

Wenige statt beliebig viele

Ich möchte jede Position begründen und regelmäßig überprüfen können

Ein konzentriertes Depot zwingt mich, Prioritäten zu setzen. Warum halte ich dieses Unternehmen? Welche Annahme muss eintreten? Was spricht dagegen? Welche Entwicklung würde meine Einschätzung schwächen oder widerlegen? Je weniger Positionen ich halte, desto weniger kann ich mich hinter der reinen Anzahl verstecken.

Das bedeutet nicht, dass Konzentration grundsätzlich besser als breite Streuung ist. Im Gegenteil: Wenige Einzelaktien erhöhen das unternehmensspezifische Risiko erheblich. Eine falsche Entscheidung wirkt sich viel stärker aus als in einem breit gestreuten Fonds. Mein Ansatz ist deshalb keine allgemeine Empfehlung, sondern eine bewusste persönliche Entscheidung mit einem klaren Nachteil.

Für mich passt dieser Nachteil eher zu der Art, wie ich investieren möchte: aktiv, langfristig und nachvollziehbar. Ich nehme lieber wenige Thesen ernst, als sehr viele Namen zu besitzen, denen ich kaum Aufmerksamkeit geben kann.

Was ich stattdessen suche

Bestehende Stärke plus eine glaubwürdige Zukunft

  1. Ein reales GeschäftProdukte, Kunden und wirtschaftliche Nachfrage sollen bereits erkennbar sein.
  2. Eine starke MarktstellungTechnologie, Vertriebszugang, Know-how, Marke oder Wechselkosten sollen einen nachvollziehbaren Vorteil schaffen.
  3. Finanzielle TragfähigkeitWachstum soll nicht dauerhaft allein von neuem Kapital abhängen.
  4. Ein langfristiger BedarfDas Unternehmen soll an einer Entwicklung beteiligt sein, die aus meiner Sicht über einzelne Börsenzyklen hinausreicht.
  5. Überprüfbare AnnahmenDie Investmentthese muss mit späteren Zahlen und Ereignissen bestätigt oder widerlegt werden können.

Keines dieser Merkmale garantiert eine gute Aktienrendite. Vor allem der bezahlte Preis bleibt entscheidend. Ein hervorragendes Unternehmen kann eine schlechte Anlage sein, wenn der Kurs bereits unrealistische Erwartungen enthält.

Was ich bewusst in Kauf nehme

Ich werde viele außergewöhnliche Gewinner verpassen

Mit diesem Ansatz werde ich nicht bei jedem neuen Technologietrend von Anfang an investiert sein. Manche kleinen Unternehmen werden sich vervielfachen, ohne dass ich sie besitze. Das ist kein Fehler im System, sondern eine bewusste Folge meiner Auswahl.

Ich muss nicht jede Chance nutzen. Ich muss einen Ansatz verfolgen, dessen Risiken ich verstehe und den ich auch dann durchhalten kann, wenn andere Anleger mit spektakulären Einzelwerten erfolgreicher wirken. Ständiges Hinterherlaufen würde mich wahrscheinlich zu Entscheidungen verleiten, die nicht zu meinem eigentlichen Plan passen.

Verzicht gehört damit zu meiner Strategie. Ich verzichte auf die Jagd nach der maximalen möglichen Rendite, weil ich lieber auf eine kleinere Zahl nachvollziehbarer Entscheidungen setze.

Mein Fazit

Nicht der größte mögliche Treffer, sondern ein tragfähiger Prozess

Ich suche nicht die Aktie, die aus einem kleinen Einsatz ein Vermögen machen könnte. Ich suche Unternehmen, bei denen ich heute ein belastbares Geschäft und morgen noch einen plausiblen Entwicklungspfad sehe.

Mein Depot kann trotzdem stark schwanken und einzelne Positionen können scheitern. Große Namen sind kein Schutzschild. Aber ich kann jede größere Position beobachten, ihre These dokumentieren und neue Informationen gegen meine ursprüngliche Entscheidung halten.

Das ist weniger spektakulär als die Jagd nach dem nächsten 100- oder 1.000-fachen Gewinner. Für mich ist es jedoch die ehrlichere Form zu investieren.

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